Für einen anderen Austausch!

„United we work!“, ist auf orangenen Karten am Eingang eines geräumigen Bauwagens zu lesen, der geschützt von Birken und Buchen auf der Wiese des Staudenmüller’schen Gärtnerhofs steht. Für 17 Tage ist er das Zentrum des ersten deutsch-salvadorianischen Workcamps von KATE und ÖJD, das sich vor allem als Forum für intercambio - Austausch - versteht.

Für eine andere Welt! - Mit Streetart gegen GentechIm Fenster rechts neben dem Bauwageneingang hängt ein quietschbuntes Foto der G8-Proteste von 2007 in Heiligendamm. Großpuppen in Gestalt von Genmais, Industriehuhn, Landarbeiterinnen und Kleinbauern laufen darauf zielstrebig in Richtung der Botschaft „Landwirtschaft geht uns alle an!“ Links davon hängt großflächig ein grün und rot beschriebenes Plakat: „Campamento de intercambio - programa“.

Auf dem Programm wechseln sich praktische Arbeitseinheiten am Vormittag ab mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden am Nachmittag. Dazu sind Gäste vom Attac Agrarnetz, der BUKO-Agrarkoordination und dem BUND angekündigt. Sie werden Themen der globalen Landwirtschaft wie die derzeitige Nahrungsmittelkrise, die Gentechnik-Problematik und die Folgen der Agrosprit-Produktion vorstellen. Daneben laden Workshops zu Street Art, Literatur und Musik ein, sich kreativ mit Formen politischer Beteiligung auseinanderzusetzen.

Die Feuerstelle vor dem Bauwagen qualmt noch leicht. Auf umgedrehten Gemüsekisten stapeln sich Bücher und Broschüren über Umweltbildung, nachhaltigen Konsum und Welthandel. Dazwischen erinnert ein zerlesenes Spanischbuch an die motivierte Diskussion vom vergangenen Abend. In den umliegenden Zelten sind bereits erste spanisch-deutsche Wortfetzen zu hören, als sich in die 8-Uhr-Geräuschkulisse des Hofes das allmorgendliche „Niñ@s, a levantar – aufstehen, Leute!“ mischt.

Während Aila von KATE die Jugendlichen weckt, ist Alex von der salvadorianischen Nichtregierungsorganisation OIKOS SOLIDARIDAD bereits auf dem Weg in die Gemeinschaftsküche. Die beiden kennen sich von der Solidaritätsbrigade des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit nach El Salvador im letzten Jahr. Das Workcamp ist auch ein erstes Ergebnis der Vernetzung, die mit diesem Besuch entstanden ist.

Beralí, Alex und Daniel sind erst vor zwei Wochen vom 7. Forum der Völker Mesoamerikas in Nicaragua zurückgekehrt. Mehrere Tage lang haben sie dort gemeinsam mit anderen Menschen aus Zentralamerika und Südmexiko unter dem Motto „Mesoamerika im Widerstand“ über Freihandel und Neokolonialismus diskutiert. Nun stehen sie in der Küche von Ortrun Staude und Martin Müller und bereiten gemeinsam mit Aníbal von der KATE-Partnerorganisation ADEMUZA aus Atiquizaya und Anne von der KATE-Partnerschule Primo-Levi-Gymnasium in Berlin das Frühstück vor.

Für eine andere Landwirtschaft!

United we work! - Kohl mulchen

Es gibt selbst gebackenes Brot, Bio-Käse und Gemüse vom Hof. Beim Essen besprechen sie gemeinsam mit Adrienne, Anne, Franziska, Mandy und Marcel den Ablauf des bevorstehenden Tages:

Als erstes mit Fahrrädern und Traktor vom Hof auf der Landstraße und über den schmalen Weg entlang der Maisfelder ins Nachbardorf fahren, um dort zwischen den Reihen der Roten Beete Unkraut zu jäten und Kohl zu mulchen. Zwischendurch vielleicht eine Abkühlung im nahe gelegenen See, dann Trocknen beim Mittagessen ­mit hofeigenem Apfelsaft und Käsebrot auf dem sonnigen Gemüsefeld. Später ein Vortrag einschließlich Diskussion mit Timo vom Attac Agrarnetz, außerdem Gespräche mit Radio Onda aus Berlin. Am Abend endlich ein feierlicher Höhepunkt: Das Bergfest samt Zubereitung von Maisfladen mit Bohnen- und Käsefüllung (Pupusas), Zitronenlimonade und Tanz mit der Hofgemeinschaft.

Natürlich ist ein so arbeits- und inhaltsreiches Programm eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Doch die Motivation der TeilnehmerInnen und insbesondere ihre Empathie und Toleranz im Umgang miteinander, die Brisanz des Campthemas, die Beiträge der engagierten ReferentInnen und der offene Charakter der Hofgemeinschaft schaffen während der dreiwöchigen Campzeit immer wieder neue Räume. Räume für gemeinsamen Austausch und gemeinsame Erkenntnisse, Räume für die Identifikation von gemeinsamen Problemen im Kontext der neoliberalen Globalisierung und Räume für die gemeinsame Suche nach Alternativen.

Für eine andere Welt!

Was uns dabei klar wird: Es ist nicht die Globalisierung von Kapitalismus und Profitlogik, nicht die Globalisierung transnationaler Konzerne, die ihre Gewinninteressen ohne Rücksicht auf Menschen und Umwelt verfolgen, die wir wollen. Vielmehr ist es die Globalisierung von Menschen aus Nord und Süd, die unsere Welt vielleicht morgen zu einem Ort machen wird, an dem alle gut leben können.

Was am Campende bleibt, ist vor allem das Gefühl, mindestens für kurze Zeit gemeinsam etwas anders gemacht zu haben. Und die Frage, wie dieses Gefühl in den Alltag des und der Einzelnen getragen werden kann. Klar ist: Das Camp ist ein Ansatzpunkt zum Weiterdenken und ein weiterer Verbindungspunkt im Netzwerk des globalen Widerstands gegen die neoliberale Globalisierung. Gemeinsam werden wir weiterhin fragen, wie eine andere Welt möglich ist. Zum Beispiel in zwei Wochen beim 5. Europäischen Sozialforum in Malmö. Oder bei einem zweiten Workcamp im nächsten Jahr – dann vielleicht in El Salvador …

Aila Wolff

Links zum Projekt 

Die deutschen TeilnehmerInnen des Camps treffen sich zweiwöchentlich zu einem globalisierungskritischen Stammtisch. Interessierte sind gern willkommen. Termine und Themen auf Nachfrage unter workcamp08@gmail.com.

Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit München (Öku-Büro)

Radio Onda